Die Zörbiger Saftbahn

Pressemeldung vom 19.06.2026


Die "Saftbahn" rückt näher

Ministerin, NASA, Kommunen und VCD prüfen vor Ort, wie aus der alten Verbindung zwischen Bitterfeld und Stumsdorf wieder ein Angebot für Pendler, Betriebe und die Region werden kann.

Zörbig/MZ. - Noch fährt auf der „Saftbahn“ kein regulärer Personenzug. Doch nach Jahren der Diskussion hat das Projekt eine neue Stufe erreicht. Bei einer Befahrung der Strecke zwischen Bitterfeld, Zörbig und Stumsdorf haben sich Infrastrukturministerin Lydia Hüskens (FDP), NASA-Geschäftsführer Peter Panitz, Vertreter der Kommunen und die VCD-Kreisgruppe Anhalt-Bitterfeld am Donnerstag ein Bild von Trasse und möglichen Haltepunkten gemacht.

Anschluss Richtung Leipzig

Es ging um die Frage, wo die alte Verbindung für heutige Wege wieder Sinn ergibt: für Pendler, Betriebe und Menschen, die nicht ständig auf das Auto angewiesen sein wollen. Grundlage ist die im Februar vorgestellte Machbarkeitsstudie.

Rund 31.000 Menschen könnten besser an das mitteldeutsche S-Bahn-Netz angeschlossen werden. Die Kosten werden auf rund 130 Millionen Euro geschätzt, bis zu 90 Prozent könnten über Bundesmittel gefördert werden. Hüskens stellte klar, dass es nicht mehr nur um eine Idee geht.

„Das ist ein konkretes Projekt“, sagte die Ministerin. Man sei fest überzeugt, „das ist eine Strecke, wo sich die Reaktivierung lohnt“. Zugleich bremste sie Erwartungen an einen schnellen Start. „Es wird ein paar Jahre dauern“, sagte Hüskens. Für die NASA liegt der Mehrwert in der besseren Anbindung einer industriell geprägten Region.

„Das Projekt hat einen vergleichsweise großen Stellenwert, weil es darum geht, eine industriell geprägte Region mit vielen Berufspendlern an das S-Bahn-System hier im Raum Leipzig anzuschließen“, sagte Panitz. Die Strecke soll elektrifiziert und mit 80 Kilometern pro Stunde befahrbar werden. Erwartet werden täglich 550 bis 1.100 Reisende.

Zwischen Zörbig und Stumsdorf muss ein Abschnitt komplett neu aufgebaut werden, weitere Teile brauchen einen starken Umbau. Hinzu kommen vier Infrastrukturbetreiber, Sicherungstechnik und neue Stationen. „Es ist im Grunde wie ein Neubau“, sagte Panitz.

Entscheidend wird, wo die Haltepunkte entstehen. Alte Bahnhöfe passen nicht automatisch zu heutigen Wegen. Geprüft werden unter anderem Stationen am Chemiepark Bitterfeld, in Sandersdorf, Heideloh, Großzöberitz und Zörbig. Für Nutzer zählt später, ob sie schneller zur Arbeit, zur S-Bahn Richtung Leipzig, zum Fernverkehr in Bitterfeld oder zum Bus- und Radanschluss kommen.

Bitterfeld-Wolfen sieht in der Reaktivierung eine Chance für den Wirtschaftsstandort. Amtsleiter Stefan Hermann sagte, die Stadt sei von Beginn an in die Studie einbezogen gewesen. „Bitterfeld-Wolfen als Industriestandort ist natürlich sehr daran interessiert“, sagte er. Neben dem Personenverkehr gehe es um zusätzliche Möglichkeiten für den Güterverkehr, etwa in Richtung Köthen. Aus Sicht der Stadt sei es „eine runde Sache“.

Standorte unter Beobachtung

Sandersdorf-Brehnas Bürgermeisterin Steffi Syska (parteilos) sprach am alten Sandersdorfer Bahnhof von einem „absoluten Herzensprojekt“. Die Strecke bringe Mehrwert für Wohn- und Arbeitsqualität, besonders für Menschen, die nicht mit dem Auto unterwegs seien. „Wir als Stadt stehen absolut hinter dem Projekt“, sagte Syska.

Auch der VCD will das Vorhaben begleiten. Sebastian Herbsleb, Sprecher der VCD-Kreisgruppe Anhalt-Bitterfeld, sieht die Reaktivierung als „kein Schubladen-Projekt mehr“. Die Gruppe bringt Vorschläge für den Abschnitt zwischen Zörbig und Stumsdorf, einen möglichen Bahnsteigstandort und die Wiederanbindung des Zörbiger Getreidelagers ein.

Bis Züge rollen, müssen Varianten eingegrenzt, Vorplanung, Entwurfsplanung und Genehmigung vorbereitet, Bahnübergänge modernisiert, Elektrifizierung geklärt und Fördermittel gesichert werden. Der Termin zeigt aber: Die Saftbahn ist wieder mehr als Erinnerung. Sie soll eine neue Verbindung für Pendler, Betriebe und Orte entlang der Strecke werden.

Mitteldeutsche Zeitung, Lokalredaktion Bitterfeld, Printausgabe vom 19.06.2026 von Thomas Schmidt

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