Die Zörbiger Saftbahn

Pressemeldung vom 27.02.2026


Land will S-Bahn nach Köthen

Nach einer positiven Machbarkeitsstudie beabsichtigt Sachsen-Anhalt erstmals die Reaktivierung einer stillgelegten Bahnstrecke für den Personenverkehr. Doch es gibt einen Haken.

Halle//MZ. - Sie würde zentrale Industriestandorte im Land besser erschließen und zahlreichen Pendlerinnen und Pendlern eine Alternative zum Auto bieten – eine direkte S-Bahn-Linie von Köthen über Bitterfeld nach Leipzig.
Nachdem eine Machbarkeitsstudie die dafür notwendige Reaktivierung der stillgelegten Bahnstrecke Bitterfeld-Stumsdorf für wirtschaftlich erklärt hat, bekennt sich Sachsen-Anhalt nun zu dem Projekt: Die Planungen würden vertieft, um die Voraussetzungen für eine Reaktivierung zu schaffen, sagte Infrastrukturministerin Lydia Hüskens (FDP) der MZ. „Das ist eine Chance für die Region“, betonte sie.
Mit der Verbindung Bitterfeld-Stumsdorf würde erstmals im Land eine Bahnlinie für den Personenverkehr wieder in Betrieb genommen – nachdem seit 1994 in Sachsen-Anhalt mehr als 600 Kilometer stillgelegt worden waren, so viel wie in keinem anderen Bundesland.
Auf der rund 20 Kilometer langen Nebenbahn waren 2002 die letzten Regionalbahnen gerollt, alle zwei Stunden, mit durchschnittlich acht Passagieren pro Fahrt. Abschnittsweise gibt es noch Güterverkehr, auch dieser könnte mit einer Wiederbelebung wachsen.
Zuwachs an Arbeitsplätzen
Von einer Reaktivierung verspricht sich das Land eine bessere Erreichbarkeit zentraler Industriezentren, etwa des Chemieparks Bitterfeld-Wolfen. Dieser ist per Bahn aus dem Norden bisher nur auf Umwegen via Halle oder Dessau zu erreichen. Die Studie geht zudem ausdrücklich von einem Zuwachs an Arbeitsplätzen bis Mitte der 30er Jahre aus und verweist auch auf den Industriepark Brehna und den Technologiepark Mitteldeutschland, beide an der A9 gelegen.
Im günstigsten Fall, so die Annahme, würde die Zahl der Arbeitsplätze in den Kommunen Bitterfeld-Wolfen, Sandersdorf-Brehna und Zörbig (alle Anhalt-Bitterfeld) von 29.900 auf 39.100 steigen – damit würde auch der Bedarf an neuen Nahverkehrsangeboten wachsen.
Die Attraktivität von Orten entlang der Strecke als Wohn- und Industriestandorte würde mit einer neuen Bahnlinie erhöht, betonte ein Sprecher des Infrastrukturministeriums. „Wir sehen deutlich mehr Nachfrage etwa nach Bauplätzen“, sagte Ministerin Hüskens. Die Bürgermeisterin von Sandersdorf-Brehna, Steffi Syska (parteilos), hatte mit Blick auf eine direkte Zugverbindung nach Leipzig zuletzt von einem „Benefit“ für die 14.000-Einwohner-Stadt gesprochen, also von einem großen Vorteil.
Die mit der Machbarkeitsstudie beauftragten Gutachterinnen kommen zu dem Schluss: Trotz einer veranschlagten Investitionssumme von knapp 130 Millionen Euro rechnet sich die Reaktivierung der Strecke für eine direkte S-Bahn-Verbindung von Köthen über Bitterfeld nach Leipzig. Der Nutzen übersteige die Kosten, heißt es in dem Papier.
Allerdings gibt es einen Haken: Um das Projekt umzusetzen, ist Sachsen-Anhalt auf den Bund angewiesen. Das Land will nun Fördermittel nach dem sogenannten Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz beantragen – darüber fördert der Bund zahlreiche Verkehrsprojekte.
Das positive Kosten-Nutzen-Verhältnis mache eine Förderung mit bis zu 90 Prozent Bundesmitteln möglich, sagte ein Ministeriumssprecher. Ohne dieses Geld wird es nicht gehen: „Eine Umsetzung ist nur mit einer verlässlichen Förderung durch den Bund möglich“, sagte Hüskens.
Eine Finanzierung ausschließlich mit eigenen Mitteln des Landes sei „nicht vorgesehen“, heißt es aus ihrem Haus. Allerdings: Das Geld aus dem Bundesgesetz würde ausschließlich in Planung und Bau der Strecke fließen. Für den S-Bahn-Betrieb müsste das Land später alleine aufkommen.
Langwierige Verfahren
Wie geht es weiter? Neben Förderanträgen will das Land nun die Planungen für die Reaktivierung ausschreiben. Wegen langwieriger Planungs-, Genehmigungs- und Bauverfahren rechnet das Infrastrukturministerium mit „mindestens zehn Jahren“, ehe die ersten Züge rollen können. Das zeigten vergleichbare Reaktivierungsvorhaben in Deutschland, sagte ein Sprecher.
Die Studie geht davon aus, dass die Strecke wegen ihres schlechten Zustandes in weiten Abschnitten grundlegend saniert oder sogar neu gebaut werden müsste.
Auch Bahnübergänge müssten demnach modernisiert, auf Unterwegsbahnhöfen neue Stellwerke errichtet und die Gleisanlagen für einen durchgehenden S-Bahn-Betrieb zwischen Köthen und Leipzig elektrifiziert werden. Einen Verzicht auf eine Oberleitung und stattdessen einen Einsatz von Batteriezügen hat das Land verworfen. Diese wären laut Landesnahverkehrsgesellschaft Nasa sowohl in der Anschaffung als auch im Betrieb erheblich teurer als herkömmliche Elektrobahnen.

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Mitteldeutsche Zeitung, Printausgabe 27.02.2026
   

Mitteldeutsche Zeitung, Printausgabe vom 27.02.2026 von Alexander Schierholz

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